Das sind Karrieren: Von einer unbedeutenden Aktivistin der Berliner Hausbesetzerszene zur Stellvertreterin des deutschen Journalismus in Amerika. Eva Schweitzer, Macbook-Besitzerin und bekennendes ADAC-Mitglied, hat geschafft, wovon viele träumen.
Aber der Ruhm hat seinen Preis. Als Autorin von Weltrang hat Frau Schweitzer nicht nur Neider und falsche Freunde zu ertragen, sondern sich auch der zahlreichen Schmarotzer zu erwehren, die sich an den Ergebnissen ihrer erfolgreichen Arbeit bereichern wollen. Besonders da draußen in diesem Internet wimmelt es ja nur so von Dieben, Fälschern und Plagiatoren.
Aber Eva weiß sich zu wehren und begibt sich nun ihrerseits auf die Jagd. Das heißt, sie lässt jagen, von einem "
Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz", denn in ihrer Position macht man sowas natürlich nicht mehr selbst. Bei der groß angelegten "Schleppnetzfahndung" (sic!) gehen auch prompt einige dicke Fische ins Netz. Zum Beispiel Philipp, der vor anderthalb Jahren in seinem privaten Blog mit dem geistreichen Namen "
nom nom nom" unverkennbar aus einem ihrer großartigen Artikel zitiert und zum
Originalbeitrag bei Zeit online verlinkt hatte. Thema: Obama im Weltall (oder so ähnlich). Unbekanntere und weniger erfolgreiche Autoren würden sich über solche Anerkennung und Werbung sicher freuen, aber eine Berühmtheit wie Eva Schweitzer sieht das naturgemäß anders. Und so flattert Philipp eine Abmahnung nebst Zahlungsaufforderung über 2155 Euro ins Haus. 1200 für Frau Schweitzer, 955 für den Anwalt.
Es kommt, wie es kommen muss. Die Angelegenheit zieht in der Blogosphäre ihre Kreise, es geht hin und her, der
Spreeblick berichtet exklusiv und Schweitzer wähnt sich "im Mittelpunkt eines internationalen Skandals", was aber möglicherweise ironisch gemeint ist. Man weiß es nicht, und genau das ist das Problem:
Ihre Statements im taz-Blog starren vor Arroganz und sind ein beeindruckendes Zeugnis maßloser Selbstüberschätzung. Immerhin deutet sie großmütig an, den Delinquenten "vom Haken" zu lassen, möchte diese generöse Geste aber adäquat gewürdigt sehen. Denn, das betont sie abschließend noch einmal: Abmahnung und Geldforderung seien berechtigt, weil von ihr. Punkt.
Nein, sind sie nicht. Und ich stehe dabei nicht auf dem dünnen Eis formaljuristischer Argumentationen, sondern auf der deutlich solideren Grundlage des gesunden Menschenverstandes. Nur, weil sich etwas - möglicherweise! - juristisch durchsetzen lässt, ist es noch längst nicht ehrbar oder respektabel, geschweige denn klug. Als ehemalige Aktivistin der Hausbesetzerszene sollte Eva Schweitzer das eigentlich genau so sehen. Als Eigentümerin jedoch betreibt sie selbst eine Räumung aus Prinzip und wider jede Vernunft. So ändern sich die Zeiten.
Mit solchen Aktionen bringt sie aber nicht nur einzelne Personen in Schwierigkeiten, die sich im Grunde nichts haben zu Schulden kommen lassen. Das wäre schlimm genug. Sie stellt außerdem ein System in Frage, von dem bisher alle Seiten profitiert haben: Das Erwähnen, Zitieren undVerlinken von Textbeiträgen im World Wide Web. Zigtausende von Blogs machen davon Gebrauch und führen Anbietern damit Leser zu, die sie sonst nie erreicht hätten.
Aber vielleicht ist ja auch Eva Schweitzer ein tragisches Opfer des unheimlichen Google-Virus und wir sehen hier einen weiteren verzweifelten Versuch, zu retten, was nicht zu retten ist: Der Journalismus, wie er früher einmal war.
Ich bin allerdings immer weniger der Meinung, dass er es wert ist.
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