Wenn einer online shoppen geht, dann kann er was erzählen ...
Vorgestern im Internet: Bei Recherchen stoße ich auf einen interessanten Buchtitel und stelle zwei Klicks weiter fest, dass es ihn bei einem eBook-Verlag auch in digitaler Form zum Sofortdownload gibt. Ist ja praktisch. Der Anbieter macht mich zudem netterweise noch auf seine Flatrate aufmerksam, mit der ich ein Jahr lang alle verfügbaren Titel herunterladen könne. Warum eines kaufen, wenn man alle haben kann? Hm, klingt wirklich nicht schlecht. Okay, überredet, jetzt aber schnell Account angelegt, das Produkt in den Warenkorb und ab zur Kasse. Zahlungsmöglichkeiten: Bank, Click and Buy, Paypal, Kreditkarte, electronic cash und irgendwas mit Telefon. Mehr geht nicht. Super Laden.
Ich entscheide mich für Paypal, denn da habe ich eh noch ein Guthaben. Passt doch. Jetzt nur noch einloggen, die Zahlung aus dem Guthaben bestätigen und - nix.
„Der Verkäufer akzeptiert nur Sofortzahlungen."
Wie, nur Sofortzahlungen? Noch sofortiger als sofort mit Paypal-Guthaben? Aber es hilft alles nichts, das Zahlungsmodul bleibt stur. Na gut, kann ja passieren. Mit einer Mail sollte die Sache schell zu klären sein. Einen Punkt „Support“ oder ähnliches gibt es nicht, also „Kontakt“. Ein Formular. Die mag ich nicht besonders, weil man nicht nachvollziehen kann, wann man was geschrieben hat. Im Impressum ist auch keine E-Mail-Adresse angegeben. Muss man in der Schweiz wohl nicht. Also doch das Formular. Von dem thumbnailgroßen Eingabefeld lasse ich mich nicht abschrecken und tippe optimistisch meinen Text hinein:
Guten Tag, ich wollte eben eine Flatrate „kaufen“ und mit meinem
Paypal-Guthaben bezahlen, musste den Vorgang aber unverrichteter Dinge
abbrechen, weil: „Der Verkäufer akzeptiert ausschließlich
Sofortzahlungen.“ ... Was immer das heißen mag. Und nun?
Eine halbe Stunde später. Mail-Eingang. Boah, das ging ja schnell. Hut ab. Mal sehen, was sie geschrieben haben:
Sehr geehrter Herr Dingens*, vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Anfrage.Wir bieten diverse Zahlungsmöglichkeiten an, darunter Kreditkarte (Amex, Visa, Mastercard), Firstgate, PayPal sowie Online-Überweisung (eine Art Onlinebanking) sowie Lastschrift. (Anbei ein Screenshot der Zahlungsmöglichkeiten) Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen unserer eBooks.
Äh - hallo? Haben Sie meinen Text überhaupt gelesen? Ich kenne die Zahlungsmöglichkeiten und hatte mich bereits für eine entschieden. Mit der klappt's aber nicht. Was ich wissen wollte war: Wieso nicht? Und um Vergnügen beim Lesen der eBooks zu empfinden, müsste ich sie ja erst mal kaufen können.
Ich bin genervt. Wozu schreibe ich denen eigentlich? Kann doch nicht so schwer sein, kurz auf eine konkrete Problembeschreibung einzugehen. Meine Replik fällt entsprechend aus:
Danke, aber auf diesen Textbaustein hätte ich gut verzichten können.Also, noch mal ganz langsam für das Voice-Modul:Zah-lung per Pay-pal funk-ti-o-niert nicht.Aber bitte, wer nicht will, der hat schon. Und ich verfüge über ein weiteres Beispiel zum Thema „Probleme und Risiken des halbautomatisierten Kundensupports“.Mit freundlichen Grüßen
So, mal sehen, ob sie das auf sich sitzen lassen oder doch so etwas wie Online-Shop-Betreiber-Ehre besitzen. Immerhin verkaufen sie ja selbst Bücher zum Thema Kundenbindung, -service und -kommunikation. Vielleicht lesen sie ja ab und zu auch mal eines davon. Die Antwort lässt leider nicht darauf schließen:
Sehr geehrter Herr Dingens*,vielen Dank für Ihre Kom-mu-ni-ka-ti-on.Das beschriebene Problem wurde entsprechend weitergeleitet und die aufgeführten Zahlungsmöglichkeiten sollten Ihnen lediglich Alternativen bieten.
Ende der Nachricht. Ende des Dialogs.
Das „Problem“, welches hier an wen und in welcher Absicht auch immer weitergeleitet wurde, tritt übrigens, wie ich im Nachhinein recherchiert habe, offenbar dann auf, wenn der Verkäufer die Zahlungsmöglichkeiten bei Paypal auf Kreditkarte beschränkt, Paypal also quasi nur als weiterer Acquirer oder als Gateway fungiert. Mit dem, was man normalerweise unter Paypal-Zahlung versteht, hat das natürlich wenig zu tun.
Nun zwingt ja niemand einen Shop-Betreiber, Paypal als Zahlungsmöglichkeit anzubieten. Wenn er es dennoch tut, dann sollte es auch Paypal-mäßig funktionieren, also zum Beispiel mit Zahlung aus einem bestehenden Guthaben. Denn das ist meines Erachtens der Sinn eines solchen Dienstes. Und in 99,9 Prozent der Fälle wird er auch so genutzt.
Soweit der technisch-funktionale Hintergrund. Hätte man mir den Sachverhalt einigermaßen freundlich so erklärt, dann hätte ich mich ob der Täuschung und der verlorenen Zeit zwar auch etwas geärgert, aber wohl dennoch gekauft und halt eine andere Zahlungsart gewählt. Nobody's perfect. Wer potentiellen Kunden gegenüber aber so unverblümt seine Gleichgültigkeit demonstriert, der bekommt keinen Cent von mir, egal auf welchem Wege.
Ich warte auf den Tag, da ein Betreiber eines Online-Shops endlich mal den Mumm zeigt, gleich auf der Startseite offen seine Philosophie zu erläutern. Hier mein Vorschlag für einen entsprechenden Mustertext:
Sehr geehrte Kunden,wir haben diesen Shop ins Netz gestellt, weil wir mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld verdienen wollen. Wenn wir uns ständig mit den Wünschen und Problemen anderer Menschen beschäftigen wollten, dann hätten wir ein reales Ladengeschäft in der Fußgängerzone einer Großstadt eröffnet. Will sagen: Wir wollen zwar ihr Geld, ansonsten aber möglichst wenig mit Ihnen zu tun haben. Sollten Sie also irgendwelche Probleme oder Fragen haben: Behalten Sie's am besten für sich. Es gibt zwar ein Kontaktformular, das ist leider Pflicht, und wir haben auch drei Textbausteine als mögliche Antworten vorbereitet, aber erwarten Sie bitte keinen individuellen Service oder persönliche Kommunikation. Dergleichen ist in unserem Geschäftsmodell nicht vorgesehen.Sollten Sie mit diesen Bedingungen nicht einverstanden sein, dann kaufen Sie halt woanders. Uns ist das egal, solange trotzdem genug dabei herumkommt. Und 90 Prozent unserer Kunden haben keine Fragen oder Probleme. Die kommen, kaufen und zahlen, ohne irgendwelchen Ärger zu machen. Darüber sollten Sie nachdenken, bevor Sie versuchen, mit uns in Kontakt zu treten. Allen anderen wünschen wir viel Spaß mit unseren Produkten!
Ich glaube, ich würde dort sogar eine Kleinigkeit kaufen. Als Anerkennung für die offenen Worte. Vorausgesetzt natürlich, die Zahlung würde klappen ...
PS: Ich habe das Buch übrigens jetzt im Buchladen hier um die Ecke bestellt.
(* Name von der Redaktion geändert)
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