Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben, wie man weiß. Und diese ist besonders gut.
Da ist eine Sportlerin, nennen wir sie Steffi, talentiert und schon in jungen Jahren recht erfolgreich, dann aber immer wieder zurückgeworfen durch Verletzungen und rätselhafte Leistungseinbrüche bei wichtigen Wettkämpfen. Die Nerven? Vielleicht. Erst mit Ende Zwanzig gelingt ihr der internationale Durchbruch. Ein dankbarer vierter Platz bei Olympia. Na bitte, es geht doch.
Und es geht noch besser. In den folgenden Jahren reiht sich Erfolg an Erfolg: Europameisterin, zweite und dritte Plätze bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen - das kann sich sehen lassen. Plötzlich interessieren sich auch die Medien für sie. Steffi spielt mit, lässt sich aber nie vereinnahmen. Sympathisch, intelligent und schlagfertig nutzt sie ihre Popularität nicht nur in eigener Sache, sondern auch als Botschafterin des Behindertensports. Sie wird mehrfach ausgezeichnet für ihre Fairness, ihr soziales Engagement und ihre vorbildliche Einstellung. Sie ist das, was man eine Vorzeige-Sportlerin nennt. Eine Persönlichkeit. Intelligent, selbstbewusst und engagiert.
Nur der ganz große sportliche Coup, bei Weltmeisterschaft oder Olympiade einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, will ihr einfach nicht gelingen. Irgendeine ist immer besser. Da kann man nichts machen. The winner takes it all. Steffi hat sich damit abgefunden, weiß, dass es mit jedem Jahr schwieriger wird. Der Ehrgeiz ist nach wie vor da, aber nicht krankhaft. Es gibt wichtigere Dinge. Noch wichtigere. Und irgendwann muss ja mal Schluss sein.
Dann, mit 37, also der letzte große Wettkampf. Weltmeisterschaft im eigenen Land. Da will sie noch mal alles geben, möglichst viel Wettkampfatmosphäre aufsaugen und ihre großartige Karriere mit einem guten Ergebnis würdig beenden. Sie ist wie immer gut vorbereitet, und wer weiß, wenn's optimal läuft - vielleicht klappt's ja sogar nochmal mit einer Medaille. Das wäre doch ein schöner Abschluss.
Und das Unglaubliche geschieht. An diesem Tag ist keine besser als sie. Steffi wird Weltmeisterin. Zum ersten Mal, in ihrem letzten Wettkampf. Als eigentlich niemand mehr ernsthaft daran geglaubt hat. Eine kleine Sensation - und eine große Story. Die Medien werden sie „Gold-Mädel“ und „Unsere Steffi“ nennen, sie vor Fernsehkameras und Fotoapparate zerren, sie immer und immer wieder nach ihrem Gefühlsleben befragen, hastig zusammengeschnittene Portraits senden und nicht geführte Interviews mit ihr veröffentlichen. The winner takes it all. Sie wird das alles geduldig ertragen. Und in ein paar Tagen wieder auf dem Trainingsplatz stehen. Als Diplomsportlehrerin in der Behindertenabteilung ihres Heimatvereins. Dort, wo das echte Leben stattfindet.
Ich sage nur:
Herzlichen Glückwunsch, Steffi Nerius, zum Weltmeistertitel. Selten habe ich es jemandem so gegönnt wie Ihnen. Ich - nein,
wir werden Sie vermissen!
http://www.steffi-nerius.de
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